2001-2003

Doppelleben

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Die Verflossene

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Die Verflossene

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Nicht Fisch nicht Fleisch

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Fischen Sie schon lange?

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Fischzopf

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Fischgespinnst

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Was denkt der kleine Gecco?

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Ein guter Fang

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Geiler Gecco

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Schrei mich nicht an

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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A good shot

Mischtechnik auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Schrei mich nicht an II, 2001

Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm

13 / 19
a good shot II

Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm

14 / 19
Jetzt bin ich reif

Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm

15 / 19
Die geile Froschfrau

Mischtechnik auf Papier, 40 x 40 cm

16 / 19
Baby im Mond

Mischtechnik auf Papier, 40 x 40 cm

17 / 19
Aus dem Bauch heraus

Mischtechnik auf Papier, 40 x 40 cm

18 / 19
Laßt uns fruchtbar sein

Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm

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Kleiner Fischzopf

Mischtechnik auf Papier, 30 x 30 cm

Achtzehn Seelenporträts

Sollte Ihnen bei dem Begriff „Doppelleben“ etwas ungemütlich zumute sein, sind Sie in bester Gesellschaft – in der sämtlicher seriöser deutscher Wörterbücher von Duden bis Wahrig.
Ein Doppelleben zu führen, steht dort überall, bedeute, „zwei verschiedene Lebensweisen nebeneinander zu führen in der Absicht, zu täuschen“.

Ilana Lewitan hat zwölf ungewöhnliche Bilder unter dem Titel „Doppelleben“ zusammengefasst. Und sie führt selbst ein Doppelleben. Sie lebt als Jüdin im katholischen München, der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“. Sie ist eine Mutter, die nur an ihre Kinder denkt, und zugleich eine Künstlerin, die nur an sich und ihre Arbeit denkt. Sie ist als Architektin der Konstruktion verpflichtet und liebt es als Malerin, diese aufzulösen.

Ilana Lewitan lebt ein Doppelleben. In der Absicht zu täuschen? Wohl kaum. Vielmehr in der Absicht einfach das zu tun, was das Wort Doppellleben besagt: zwei ganz verschiedene Möglichkeiten der Existenz auszuprobieren. Wie schon seit Jahrhunderten sehr viele Menschen, oft künstlerische, manchmal sogar geniale, die ein Doppelleben geführt haben – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Sei es, wie im Fall des Grafen Unico Willem van Wassenaer, weil seine Lust am Komponieren nicht vereinbar war mit seiner Reputation als Diplomat, sei es, wie im Fall Leonardo da Vinci, weil die leidenschaftliche Liebe zu meist halbseidenen bis kriminellen Strichern sich nicht vertrug mit dem, was seine Mäzene bis hin zum französischen König von ihm erwarteten, sei es wie bei so vielen künstlerisch tätigen Frauen, Komponistinnen wie Malerinnen, weil die Gesellschaft ihnen dieses zweite Leben nicht zuerkennen wollte. Oder weil, wie im Fall Ilana Lewitan, die beiden Existenzen einfach leichter nebeneinander zu führen sind, als wenn man versuchte, sie miteinander zu verschränken.
Dass wir das Doppellleben verurteilen, liegt eigentlich fern. Ist doch das Doppelte in uns angelegt: wie haben zwei Arme, zwei Beine, zwei Ohren und Augen, wir sind bis zu den Eierstöcken fast durchgängig paarig konstruiert. Und dass nur die möglichst gleich starke Beschäftigung beider Hirnhemisphären zu einem rational-emotional ausgewogenen Handeln führt, haben die Hirnforscher längst bewiesen. Die Abwertung des Doppelten lässt sich dennoch in unserer Sprache klar erkennen: da ist die Rede von der Doppelzüngigkeit, der Doppelbödigkeit, dem doppelte Spiel und der Doppelmoral – alles Synonyme für das Falsche, Betrügerische, Unaufrichtige.
Das Doppelte ist für uns in vieler Hinsicht gleichbedeutend mit etwas, das sich dem Zugriff entzieht, das sich nicht zu erkennen gibt und schwer definieren lässt. Wie eine Doppeltür weckt es den Verdacht, hier solle etwas verborgen werden. Kein Zufall, dass allen männlichen Aphorismen über Frauen der Vorwurf gemeinsam ist, jedes weibliche Wesen sei ein Doppelwesen - unübersichtlich, undurchschaubar und zweideutig.

Nur ein paar Stichproben:

„Die Frauenseele ist ein offenes Buch, „geschrieben in einer völlig unverständlichen Sprache.“
Ephraim Kishon

„Es ist absolut sinnlos, Frauen verstehen zu wollen, wo doch ihr Reiz in ihrer Unergründlichkeit liegt.
Alfred Hitchcock

„Frauen, die sich schnell erobern lassen, organisieren den Widerstand später im Untergrund.“
Jean-Paul Belmondo

„Frauen sind die Chamäleons der Liebe. Wir Männer sind nur die Farbe, der sie sich jeweils anpassen“
Albert Chevalier

„Die Frauen sind so unberechenbar, dass man sich nicht einmal auf das Gegenteil dessen verlassen kann, was sie sagen.“
Peter Ustinov

„Die Frau ist die Rätselecke in Gottes großer Weltzeitung.“
Marcel Achard

„Richtig verheiratet ist ein Mann erst dann, wenn er jedes Wort versteht, das seine Frau nicht gesagt hat.“
Alfred Hitchcock

Die Wandelbarkeit und Zweideutigkeit der Frauen beunruhigt den Großteil der Männer seit Menschengedenken. Warum? Frauen sind für viele Männer offenbar deswegen angsterregend, weil sie nicht linear strukturiert sind; schließlich kommt auch kaum eine Frau auf die Idee, in einem unbequemen Selbstmordinstrument auf Rädern unter Erzeugung von infernalischem Lärm in abartigem Tempo im Kreis zu rasen. Bei dem Versuch, Frauen hinzubiegen, sie nach männlichem Ideal gerade zu biegen, also linear zu machen, scheitern selbst große Geister, wie folgendes Musterbeispiel von Minderdichtung beweist:

„Behandelt die Frauen mit Nachsicht!
Aus krummer Rippe
Ward sie erschaffen,
Gott konnte sie nicht
Ganz grade machen.
Willst Du sie biegen, sie bricht,
Läst Du sie ruhig, sie wird noch krümmer;
Du guter Adam,
Was ist denn schlimmer ? »

So steht es in Goethes Namen in „Der West-östliche Divan“.
Rechte Männer wie Goethe irritiert es auch heute noch, dass die meisten Frauen das Indirekte dem Direkten vorziehen, so wie sie die schöne Landstraße der Autobahn vorziehen, das lange Liebesspiel dem Quickie, die Verführung der Anmache, das Vielfältige dem Einfältigen, das Vielschichtige dem Einschichtigen.
Es gibt in der Bildenden Kunst eine bewährte Methode, Doppelsinn oder Hintersinn dazustellen: die Symbolsprache. Jahrhunderte-, nein: jahrtausendelang beherrschten die Künstler es, durch die Ikonographie eine zweite, über den konkreten Bildinhalt hinausgehende Aussage zu machen. Und jeder gebildete Mensch verstand, was gemeint war. Wenn zum Beispiel auf einem niederländischen Gruppenporträt die seriös gekleideten Herren alle Austern aßen, war klar, dass sie das hatten, was sich heute Gruppensex nennt. Wer Symbole nicht gleich lesen konnte, bekam einen Übersetzungshilfe, wie zum Beispiel Carel van Manders berühmtes Werk „Het schilder-boek“ aus dem Jahr 1604 oder Cesare Ripas „Iconologia“, ebenfalls ein barockes Emblembuch.

Heute aber ist den meisten Menschen die Fähigkeit, Symbole zu verstehen und Bilder zu lesen, verloren gegangen.
Ilana Lewitan hat sich deswegen zurecht eine andere Möglichkeit erdacht, diese Zweideutigkeit, dieses feminine Doppelwesen darzustellen: Sie hat das Gerede von den zwei verschiedenen Seiten einer Frau wörtlich genommen und Bilder geschaffen, die im konkreten Sinn zwei Seiten besitzen. Bilder, die flächig sind und doch räumlich, denn ihr inhaltliches Herzstück ist durch eine Drehvorrichtung zu wenden. Das Magische an diesem Vorgang: er birgt einen Überraschungseffekt, der seine Wirkung bei mehrfacher Wiederholung behält. Das bringt den Betrachter in einen Dialog mit dem Kunstwerk – etwas, was Roger de Piles in seinem „Cours de peinture par principes“ schon 1676 gefordert hatte: „Das Gemälde“, schreibt er, „soll den Betrachter rufen ... Und der überraschte Betrachter soll sich ihm neigen wie einem Zwiegespräch.“ Er neigt sich hier gerne, denn er will wieder und wieder erleben, wie die Veränderung eines kleinen quadratischen Bildauschnitts, das gesamte Bild verändert und umdeutet.
„Nicht Fisch nicht Fleisch“, nennt Ilana Lewitan eines ihrer Bilder; zu sehen ist der Rücken einer Frau, eingeschnürt in eine Korsage. Wird nun das zentrale Quadrat gewendet, ist statt des geneigten weiblichen Hauptes ein Fischkopf zu sehen, dessen abgenagte Rückengräte entlang dem Rückgrat verläuft. Und auf einmal verwandelt sich die Schnürung der Korsage in eine Fortsetzung der Gräten.

„Schrei mich nicht an“ heißt das Porträt zweier kampfbereiter Monstren, die sich fast hörbar aus weitaufgerissenen Mäulern anbrüllen: wird die Bildmitte gewendet, läuft der Film eine Szene weiter: küssend verbeißen sich die beiden gierig und sehnsüchtig ineinander. Krieg und Liebe, Auseinandersetzung und Miteinanderverschmelzen, Aggression und Sex werden so im wahren Wortsinn als die zwei Seiten ein und desselben Phänomens ersichtlich.

„Fischgespinst“ hat Ilana Lewitan das Porträt einer verführerischen Frau genannt mit lockenden Lippen und tiefem Blick. Eine Drehung genügt, und den Betrachter sehen zwei Urweltaugen an wie die eines Fisches vom Meeresgrund. Eva ist zu Lilith geworden, die Verlockung zur Bedrohung, die schöne Frau zur wissenden, die junge zu einer, die so alt ist wie jene Tiere, an die ihr Kopf nun erinnert.

Dass der Fisch in mehreren Bildern von Ilana Lewitan auftaucht, beweist allerdings, dass wir auch in Zeiten, wo die Allegorie nicht verwendet wird und die Sprache der Symbole nicht mehr verstanden wird, es doch ein angeborenes Wissen vom Sinn der Sinnbilder in uns gibt. Eine nicht eben brandaktuelle Idee. Der Essayist Francis Bacon schrieb, die Denker der Antike seien alle der Überzeugung gewesen, dass alle Bilder, die uns im Leben begegnen, seit der Geburt in unserem Gedächtnis enthalten sind. „Platon hing der Vorstellung an, das alles Wissen Erinnerung sei, und Salomo prägte die Sentenz, dass sich hinter allem Neuen nut das Vergessene verberge.“
Den meisten wird heute eine solche Vorstellung geläufig sein als C.G. Jungs Theorie vom kollektiven Unbewussten des Menschen. Auch damit sind Grundstrukturen, Urformen seelischen Erlebens gemeint die allen Menschen zu allen Zeiten gemeinsam sind. Daraus erklärt sich C.G. Jung, dass Menschen Dinge verstehen, die sie nicht kennen, dass sie Dinge wissen, die sie nicht gelernt haben.
„Die Fische habe ich gewählt“, sagte mir Ilana Lewitan, „weil ich selbst im Zeichen der Fische geboren bin. Und das ja auch ein doppeltes Zeichen ist, weil es aus zwei Fischen besteht.“
Sie wusste nicht und wusste es wohl unbewusst doch: der Fisch besitzt in der Symbolik der Kulturen und Religionen immer eine doppelte, widersprüchliche Bedeutung. Er kann göttlich oder dämonisch sein, er kann auf Tod oder Leben hinweisen, er kann als Fruchtbarkeitssymbol weiblich sein und seiner phallischen Form wegen als männlich gelten.
Und C. G. Jung belegte, dass der Fisch seit Jahrtausenden auch Symbol des Selbst ist.
Ilana Lewitan hat sich selbst und ihr Selbst unbewusst im Fisch entdeckt. Und wahrscheinlich ist dieses intuitive Entdecken das, was ihren Bildern Tiefe gibt und die Betrachter dieser Bilder zu Entdeckungsreisen in die eigenen Seelentiefen und -untiefen anregt.
Doch die Doppelbilder der Ilana Lewitan bieten neben all diesen Experimenten zur Selbsterkundung noch etwas anderes: sie machen Spaß durch ihren spielerischen Reiz und ihre humorvollen Titel. Und das geschieht nun nicht unbewusst, sondern sehr bewusst: Ilana Lewitan ist seit zehn Jahren mit einem Mann verheiratet, als dessen wichtigste Eigenschaft sie seinen Humor nennt. Sie weiß es also:
Humor wirkt entwaffnend, auch im Geschlechterkampf. Und wer über Humor verfügt, reibt sich weniger – Humor ist die Gleitflüssigkeit des Lebens. Humor lässt den Geist wie einen Fisch flutschen und Auswege finden, wo andere sich verrennen, sogar, wenn es um Aphorismen über Frauen geht.
„Alle Aphorismen über Frauen sind notgedrungen boshaft. Um das Gute an einer Frau zu schildern, benötigt man viele Seiten“, hat André Maurois gesagt.
Ilana Lewitan genügen zwei.