2007-2008

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Warten auf bessere Zeiten, 2008

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 200 x 260 cm

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Innehalten, 2008

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 205 x 160 cm

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In Erwartung, 2008

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Aneinander verbunden, 2008

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Nu?, 2008

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 155 x 115 cm

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Gedenken, 2007

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 50 x 50 cm

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Halt mich fest, 2008

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 110 x 220 cm

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Knochenweich, 2008

Mischtechnik auf Leinwand, 150 x 115

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Rückblick, 2008

Acryl auf Leinwand, Mixed Media on Canvas, 115 x 200 cm

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Welch ein ergreifender Gedanke, 2007

Mischtechnikl auf Leinwand, 100 x 100 cm

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Eine skurrile Versammlung 2007

Mischtechnik und Collage auf Leinwand, 100 x 200 cm

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Faustdick hinter den Daumen, 2007

Acryl auf Leinwand, 150 x 100 cm

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Mit Händen und Würgen, 2007

Acryl auf Leinwand, 150 x 100 cm

„Erinnerung ist eine Form der Begegnung.“ Khalil Gibran von Melanie Klier

Zweifelsfrei: Die Kunst von Ilana Lewitan ist eine höchst komplexe, hoch spannende Welt der rätselhaften Chiffren und Bedeutungsträger, der sinnlichen Farbklänge und Farbzonen. Und – ein klares Postulat für eine sensible und sensitive Wahrnehmungsästhetik. Angesiedelt zwischen Abstraktion und Figuration hat diese ausdrucksstarke Malerei, die mit einer frappierenden Leichtigkeit den freien Gestus, das zeichnerische Element und die Collage gleichermaßen betont, die formale Freiheit und die narrative Viel- und Mehrschichtigkeit zum Stilprinzip erhoben. Hin- und heroszillierend zwischen thematischer Brisanz und Reflexion von Geschichte, durchweht alle Gemälde der Münchner Malerin mit jüdischen Wurzeln der Geist der Vergangenheit und Gegenwart und ist umhüllt von einem „Fluidum der Zeitlosigkeit und Gleichzeitigkeit“ (Elisabeth Brandl).

Mit diesem Katalog hält man also ein kleines, aber feines Werk von vier Jahren malerischer Entwicklung in Händen, das von alledem erzählt und einen Bogen spannt von der wiederkehrenden malerischen Erinnerungsarbeit der Künstlerin, der ganz persönlichen Holocaust-Rezeption einer charismatischen Tochter von Shoah-Überlebenden, bis hin zu einer formal und inhaltlich freier, luftiger werdenden Malerei. Wie hat man dies zu verstehen?
Geschichte, immer wieder Geschichte ist Ilana Lewitan von essentieller Wichtigkeit. Die Geschichte der formalen Mittel, der eigenen Herkunft, der Welt. Und damit künstlerische Spurensuche und Transformation. Das Schreiben und Umschreiben, das Verwandeln und Umformen durch malerische Tätigkeit von alter Historie in eine neue. In eine überhöhte, andersartige. Die das Verborgene sichtbar macht. Dem Ungreifbaren und Unbegreifbaren Gestalt gibt. Und – in historischer Verantwortung mittels Gedächtniskonstruktion den jüdischen Schicksalen dauerhafte Bildwürde verleiht.

In dieser malerischen Erinnerungskultur, in diesem Eintauchen in und Auftauchen aus einer bewegenden jüdischen Familiengeschichte, begegnen wir dem Leitmotiv der Hände. Als Symbol für Identitätsfindung, als „Schnittmenge aus Zeit, Ort und kulturell-religiöser Zugehörigkeit“, so die Künstlerin. Also ganz im Sinne der Begegnung.
Die Arbeit Gedenken aus dem Jahr 2007 ist beispielhaft für Ilana Lewitans künstlerischen Impetus und zeigt zudem im unteren Bilddrittel die Fotocollage von so gearteten „guten Händen“. Von Händen der Familie der Künstlerin, der eigenen Malerhände in Verschränkung und Überlagerung mit denen der Töchter und des Ehemannes, verstanden als zusammenhaltender Ballungsraum. Die blauen, von schwarzer Kreide umrahmten Farbverwirbellungen darüber haben exakt diese Geste in Verdichtung aufgenommen. Im oberen Bilddrittel sind in einem hellen Horizont die schwarzweißen Fotoporträts der Großeltern auszumachen. Als von einander getrennte, zerrissene Gesichter, denen das Sprechen durch einen schwarzen Banner untersagt und deren Wahrnehmung für uns nur partiell möglich ist. Der Grabstein der Urgroßmutter, links daneben, verflüchtigt sich im nebulösen Gestus.

Bezeichnenderweise haben alle formalen Mittel (die Farbzonengestaltung, die Collagetechnik, das grafische Element der Kohlezeichnung sowie der freie, expressive Gestus und die narrative Bildqualität) einen gleichberechtigten Aktionsraum und erscheinen auf diese Weise gleich gewichtig in unserer Wahrnehmung. Exakt daraus speist sich ein konsequent durchschimmernder, surreal anmutender Moment von Ilana Lewitans Malerei. „Surreal“, nicht aufzufassen als kunsthistorische Klassifizierung, sondern vielmehr als einen Zeitlichkeit umschreibenden Begriff. Verstanden als das Erforschen von Vergangenheit. Von ungeheuerlichen Geschichten derer, die das Monströse nicht erzählen wollten und konnten. Als das intuitive Schauen und Erahnen dieses Surrealen seitens einer jüdischen Malerin. Zu deuten als das Mitfühlen, als den unausgesprochenen Draht zueinander und das Unaussprechliche, das in der Jetztzeit chimären- und schemenhaft heraufdämmert. Im Hier und Jetzt dieser so ganz und gar unvorstellbaren, eben „surrealen“ Bildwirklichkeit. Diese Bildidee nimmt wortwörtlich im Gemälde Welch’ ein ergreifender Gedanke (2007) ein sonderbares Handwesen auf, wohingegen das Artefakt Aneinander Verbunden (2008) die Handmetaphorik, die Finger, ins Groteske verdreht hat: zu versteinerten Klumpen, die sich nicht wirklich erreichen, sondern sich in einer undurchsichtigen Bildzone vergreifen.

Es ist aufschlussreich dabei wahrzunehmen, dass Ilana Lewitan immer wieder Schriftzüge und Textausschnitte in ihre abstrakte Bildwelt eingliedert. In den Bildern In Erwartung (2008) und Halt mich fest (2008) erkennen wir diese einerseits in einer von Freundschaft und Liebe verkündenden Passage, die einer vom Betrachter abgewendeten Rückenfigur eingeschrieben ist. Andererseits als Bindeglied zweier möglicherweise Übergriffigkeit transportierender, narrativer Bildhälften. Grundsätzlichen funktionalisiert Ilana Lewitan immer wieder die Technik des palimpsestartigen Übermalens und Neuschreibens für eine facettenreiche Erprobung ihrer ganz eigenen künstlerischen Handschrift. Wobei der Terminus des „Palimpsests“, der sich ursprünglich auf den Vorgang des Wiederbeschreibens von antiken Manuskriptblättern bezieht, die man betextete, abschabte und abwusch, um sie von Neuem zu beschreiben, durchaus wörtlich zu begreifen ist. Denn diese sukzessive, malerische Prozedur des Erschaffens, Verwerfens und Weiterbearbeitens scheint in allen Artefakten von Ilana Lewitan durch. Entstanden ist dabei eine Malerei, die trotz aller Dichte und Schwere des gewichtigen Inhalts, frische Farbwesen und Farbräume schafft, faszinierende Vorder- und Hintergründe, auch Ebenenüberlagerungen sowie nicht zuletzt ein feinmaschiges, transparentes Farbgewebe.
Eine „Verschmelzung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, realem Trauma und visionärer Utopie“, wie Dr. Matthias Mühling diese Malerei charakterisiert, welche erstaunlich delikat und farbenfroh daher kommt. Denn „die Zeit der Todesangst, der Qual und des KZ-Horrors spielte sich einst“, so die Künstlerin, „das ist das Groteske, ja nicht in Schwarz-Weiß ab, sondern durchaus vor blauem Himmel und malerischem Sonnenschein“. Immer wieder – und das ist augenfällig, tauchen Stadtsilhouetten und Architektur aus dem Geheimnisvollen auf. Vielleicht ja ein Nachhall des guten alten jüdischen „Schtetl“? Der alten, vergangenen Welt der Väter? Nu? (2008), scheint die alte jüdische Figur mit entsprechend typischer Geste, nicht nur im gleichnamigen Gemälde, sondern grundsätzlich zu fragen. Weil Ilana Lewitan mit ihrer Malerei mehrspurig denkt und hinterfragt, und dem Betrachter mit Gegenfragen antwortet – trotz aller Eindrücklichkeit und Klarheit ihrer Bildsprache.

Die neuen Bilder der Malerin haben sich streckenweise von der Rezeption der alten Herkunftsgeschichte befreit. Andere Köperteile gewinnen an Dominanz: der Kopf oder Maskenteile sowie Arme und Beine. Dabei gewinnt die Kreidezeichnung an eigenem Raum. Umhüllt, strukturiert und überbetont nicht länger – sondern spricht zu uns. Deutlich und zeichenhaft durch die Kraft der Linie in einem transparenten, luiziden Farbgeschehen. Auch die Bildunterteilung hat, auf der Suche der Malerin nach immer neugearteten Ordnungen und Kompositionen, ihre Gliederung aufgegeben. Sie scheint sich tendenziell (und nicht nur in dem Gemälde auf dem Weg nach Oben, 2011) ins Ungewisse zu verflüchtigen. Ilana Lewitan hat in ihrer aktuellen Kunst, so mutet es an, tatsächlich Ballast abgeworfen. Was sich in den Werken Entspanntes Warten (2010) über Denkpause (2011) ankündigt. In dem Gemälde Die Kunst der Leichtigkeit (2011) hat sich dieser in einem Gepäckstapel in der rechten Bildhälfte konkretisiert. Mit graziler Leichtfüßigkeit scheint die Künstlerin in der linken Bildhälfte darüber hinwegzuschweben. Ein Bonmot von Salvador Dalí lautet: „Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als die Welt des Traums“. Wir warten es ab...